Probetests - Tests zum sprachlichen Verständnis

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Rede von Joachim Gauck, anlässlich der Sonderveranstaltung ”10. Jahrestag des Mauerfalls" im Deutschen Bundestag am 9.11.1999

  1. Meine Damen und Herren!

[...]

Liebe Landsleute und Gäste, wir alle haben gemerkt, dass die Deutschen in diesen Tagen nicht unbeschwert feiern. Manchmal gibt es gerade bei denen, die damals aktiv waren, Trauer und Wehmut, weil sie auch etwas verloren haben, nämlich die Aufbruchstimmung dieser so hektischen, lebendigen Zeit des heißen Herbstes 1989. Dieses Laboratorium der Politik, das damals entstand, hatte etwas so Lebendiges und Anrührendes. [...] Überall Aktivität der Inaktiven und Engagement der lange Entmündigten. Da mochtet Ihr vom Westen lange ulken: Freunde, das Rad ist doch schon erfunden, mochtet "rührend" finden, was sich unter uns vollzog. Es war aber traumhaft für jeden, der mittat, und riss selbst viele SED-Genossen mit: Es war ein Traum vom Leben und ganz wirklich!

  1. Wenn wir aber aus der nostalgischen Rückschau über den Verlust dieses Zustandes heraustreten, erkennen wir zweierlei, einmal etwas Vergängliches: Der schöne Frühling währt auch in der Politik nicht lange. Und auch etwas Bleibendes: Nicht in dem, was in dieser Zeit in den Bewegungen und Basisgruppen erfunden wurde, lag das Neue; das Neue waren der Anspruch und die Haltungen derer, die in der Regel zum ersten Mal in ihrem Leben politisch aktiv wurden. Als wir damals sagten „Wir sind das Volk”, knüpften wir an jene Tradition von Aufbegehrenden an, die einst in Frankreich Liberté, Egalité, Fraternité gefordert und sich in der Verfassung der Vereinigten Staaten selbstbewusst zum Souverän erhoben hatten mit dem Satz: „We, the people ...”. Wir waren nicht länger Objekt der Politik, sondern begannen selber zu gestalten. Wir ermächtigten uns, indem wir an unsere neue Rolle glaubten und sie annahmen. Manche lernten dabei, Bürgermeister zu sein, andere Abgeordnete und einige gar Minister. Laienspieler wurden diese ersten Aktiven von Beobachtern aus dem Westen, liebe Bayern, und aus dem Osten, liebe Berliner, gerne genannt. Wer damals mittat, weiß: Ein schönes Laienspiel war das.
  2. Hätte es doch länger gedauert, dass die Laien in der Politik mitspielten, und, so setzen wir hinzu, käme es doch auch jetzt häufiger vor, dass ganz normale Mitbürger mitspielen! Die Zeit, die uns damals verblieb, um zu experimentieren und die eigenen Kräfte zu erproben, war im Unterschied zu der unserer Nachbarländer in Mittelosteuropa außerordentlich kurz. Nach der Einheit waren wir wieder Lehrlinge. Viele fühlten sich fremd im eigenen Land. Sicher erklärt sich ihre Bitterkeit auch aus neu erfahrener Hilflosigkeit und Enttäuschung. Sie hatten vom Paradies geträumt und wachten in Nordrhein-Westfalen auf.
  3. Befreiung war also der erste Schritt. [...]. Es waren Intuition und Ungeduld des Volkes, die aus dem „Wir sind das Volk” das „Wir sind ein Volk” machten. Der erste Satz hatte uns die Würde zurückgegeben. Der zweite ließ nicht nur die lange verschüttete Sehnsucht nach der Einheit der Nation aller Deutschen wieder aufleben, er gab uns den Realismus, er enthielt die Weisheit des nächsten Schrittes: Nicht eine neu zu erfindende Demokratie war die Hoffnung der Massen, sondern die real existierende Demokratie vom Rhein.[...]
  4. Gerade an diesem schönen 9. November war es mir wichtig, daran zu erinnern, dass vor der Einheit die Freiheit unser Thema war. Wir machen uns diese politische Erfahrung als etwas besonders Kostbares bewusst, eben weil diese Nation eine so lange Tradition der Unterdrückung hat: fürstlich, absolutistisch, kaiserlich, diktatorisch.
  5. [...] Wie spärlich ist in dieser Nation die Tradition von Selbstbestimmung und Freiheitsrevolution! Tatsächlich haben die Ostdeutschen mit ihrer - freilich kurzen - Revolution nicht nur sich selbst, sondern allen Deutschen ein historisches Geschenk gemacht. Wir alle gehören nun zur Familie der Völker, die durch Freiheitsrevolutionen gekennzeichnet sind, und haben für unsere niederländischen, französischen, polnischen und tschechischen Nachbarn ein besseres, vertrauenswürdigeres Gesicht.
  6. Das, liebe Landsleute im Westen, ist das Geschenk der Ostdeutschen an Euch. Gerade angesichts unserer 56-jährigen politischen Ohnmacht in Nationalsozialismus und Herrschaftskommunismus erstrahlt der Mut der Widerständigen von 1989 umso heller. Trotz aller Erblasten der Diktaturen können wir Euch im Westen nunmehr auf Augenhöhe begegnen - zwar ärmer, aber nicht als Gebrochene und ganz bestimmt nicht als Bettler.
  7. Aber gleichzeitig, liebe Landsleute im Osten, gibt es auch ein Geschenk der Westdeutschen an uns; es ist nicht in erster Linie materiell. Aus Nazi-Untertanen und Nostalgikern der Nachkriegszeit sind Demokraten geworden, wohl auch, weil die Generation der Söhne und Töchter 1968 so unbequem nach Schuld und Verantwortung fragte. Eine zivile Gesellschaft ist entstanden. Mit der Einheit haben auch wir Anteil an diesen Erfahrungen. 40 Jahre Freiheit und Demokratie und Frieden hatte die deutsche Nation in ihrer Geschichte bis dahin noch nicht erlebt.
  8. Die Menschen dieser Nation haben sich also gegenseitig beschenkt. Hoffentlich können wir, wenn wir uns in 10 Jahren erneut hier treffen, dieses Geschenk bewusster und freudiger annehmen.

 

  1. Abschnitt 1: Was bedeutet der Ausdruck „das Rad ist doch schon erfunden“?
  1. Es gibt schon ein hohes Maß an Perfektion, das nicht gesteigert werden kann.
  2. Die Ostdeutschen brauchen nichts mehr zu tun, sie können die Hände in den Schoß legen.
  3. Demokratie besteht bereits, sie muss nicht mehr neu gestaltet werden.
  4. Politik ist greifbar und machbar geworden, dynamisch wie ein Rad.
     
  1. Abschnitt 2: Was bedeutet der Begriff „Aufbegehrende“?
  1. Aufständische
  2. Aussätzige
  3. Aufsässige
  4. Aufrührer
     
  1. Abschnitt 6: Was bedeutet das Wort „spärlich“?
  1. genügsam
  2. dürftig
  3. sparsam
  4. bedürftig
     
  1. Abschnitt 7: Was meint der Autor, wenn er sagt: „wir können Euch auf Augenhöhe begegnen“?
  1. Ost- und Westdeutsche sind ebenbürtig.
  2. Ost und Westdeutschland sind geografisch von gleicher Größe.
  3. Ost- und Westdeutsche sind auf gleicher Linie.
  4. Die Ost- und Westdeutschen sind ein Volk.
     
  1. Abschnitt 4: Was meint der Autor mit „Der erste Satz hat uns die Würde zurückgegeben“?
  1. Er meint, dass Deutschland wieder ein geeintes Land sein durfte.
  2. Er meint, dass die Freiheit vom Volk durchgesetzt wurde.
  3. Er meint, dass die, die demütigten, um Verzeihung baten.
  4. Er meint, dass sie endlich ihre eigene Demokratie erschaffen konnten.
     
  1. Abschnitt 9: Was ist die Hoffnung des Autors für die Zukunft?
  1. Deutschland unterstützt Ostdeutschland nicht nur materiell.
  2. Die Deutschen können ihre Vereinigung mehr wertschätzen.
  3. Die Deutschen verabschieden sich zukünftig von unterwerfenden Systemen.
  4. Deutschland bleibt in der Zukunft wiedervereinigt.
     
  1. Abschnitt 6: Warum können einige Nachbarländer Deutschland nun eher vertrauen?
  1. Deutschland ist für seine Nachbarn nun ein integeres, vereintes demokratisches Land.
  2. Den Nachbarn gegenüber gibt das vereinigte Deutschland historische Fehler zu.
  3. Die Nachbarländer grenzen nun allesamt an ein demokratisches Deutschland.
  4. Die DDR-Bürger haben wie sie durch einen Aufstand ihre Selbstbestimmung erkämpft.
     
  1. Abschnitt 5: In welcher Tradition stand Deutschland früher politisch?
  1. in der Tradition der Autarkie und Unterwerfung
  2. in der Tradition der Freiheit und Fremdbestimmung
  3. in der Tradition der Fremdbestimmung und Knechtschaft
  4. in der Tradition der Einheit und der Demokratie
     
  1. Abschnitt 4: Was meint der Autor mit „die real existierende Demokratie vom Rhein“?
  1. Die BRD als demokratisches Land mit Regierungssitz in Bonn
  2. Das Rheinland, als ein Gebiet mit historisch begründeter Demokratie
  3. Die Ostdeutschen waren Anhänger der bestehenden Realpolitik Nordrhein-Westfalens.
  4. Die Menschen träumten von einem Leben im demokratischen Nordrhein-Westfalen.
     
  1. Abschnitt 1, 2, 3: Auf welche positive Erfahrung verweist der Autor immer wieder?
  1. Auf die Kürze der Revolte im Vergleich zu anderen Ländern.
  2. Darauf, dass es in Deutschland 40 Jahre Demokratie und Freiheit gibt.
  3. Darauf, dass die Deutschen die Einheit bewusster annehmen können.
  4. Auf die Freude der normalen ostdeutschen Bürger, Politik aktiv mitzugestalten.
     
  1. Abschnitt 8: Woran denkt der Autor, wenn er von einer Generation spricht, die unbequem nach Verantwortung und Schuld gefragt hat?
  1. An den insgesamt harmlosen Generationenkonflikt, der nach und nach wieder abebbte.
  2. An die Kriegs- und Nachkriegskinder, die sich zu radikalen Gruppen formierten und Aufklärung mit terroristischen Mitteln forderten.
  3. An die Demokratie, die durch diese Studenten- und Bürgerrechtsbewegung stark bedroht war.
  4. An die 68er Generation, die mit dem Respekt vor der Elterngeneration brach und Antworten bezüglich deren Mittäterschaft im 3.Reich forderte.
     
  1. Abschnitt 6, 7, 8: Worin besteht Gauck zufolge das gegenseitige Geschenk der Ost- und der Westdeutschen?
  1. in kritischer Selbsthinterfragung des Westens und im Mut des Aufstands der Ostdeutschen
  2. im gegenseitigen Verstehen der jeweiligen Knechtschaft und politischen Ohnmacht
  3. in einer Freiheitsrevolution von den Ostdeutschen und einer Demokratie von den Westdeutschen
  4. in finanzieller Unterstützung vonseiten des Westens und aktiver Mitgestaltung des Ostens

 

ANSWER KEY

  1. C
  2. A
  3. B
  4. A
  5. B
  6. B
  7. D
  8. C
  9. A
  10. D
  11. D
  12. C